Samenfeste Sorten versus Hybridsorten

Über zehntausend Jahre war es gute landwirtschaftliche Tradition, dass Bauern einen Teil ihrer Ernte als Saatgut zurückbehielten, um es in der nächsten Saison wieder auszusähen. Dieser sogenannte Nachbau setzt allerdings samenfeste Sorten voraus.

In Industriestaaten ist dieser Nachbau heute keineswegs mehr durchgehend üblich. Zum einen, weil viele Feldfrüchte wie Mais, Raps und Weizen unter das Sortenschutzgesetz fallen und nur gegen Lizenzgebühren nachgebaut werden dürfen; zum anderen, weil ein großer Teil der heute in Deutschland gewerblich genutzten 2.600 Pflanzensorten sogenannte Hybridzüchtungen sind, die sich nicht oder nur unter gravierenden Ertragseinbußen nachbauen lassen.

Unfruchtbare Hochertragspflanzen

Hybride entstehen durch Selbstbefruchtung möglichst unterschiedlicher Elternlinien. Aus diesen Inzuchtlinien wählt der Züchter über Generationen hinweg jene aus, bei denen die gewünschten Eigenschaften wie Größe, Form, Farbe oder besondere Widerstandsfähigkeit möglichst deutlich zu Tage treten. Kreuzt der Züchter wiederum zwei dieser Inzuchtlinien, erhält er in der nächsten Pflanzengeneration Hybridsaatgut. Aus diesem wachsen – meist mit Hilfe von synthetischen Düngern und Pestiziden – Hochleistungspflanzen mit einheitlichem Aussehen und gleichen Eigenschaften, vor allem aber mit einem hohen Ertrag: Hybrid-Roggen zum Beispiel bringt 10-20 Prozent mehr Ernte, Hybrid-Mais bis zu 600 Prozent. Allerdings: Die positiven Eigenschaften gelten nur für die Erstaussaat. Schon in der nächsten Generation geht der Ertrag deutlich zurück. Damit lassen sich Hybridpflanzen nicht nachbauen.

Hybridsaatgut auf dem Vormarsch

Das zwingt die Landwirte dazu, ihr Saatgut jedes Jahr neu zu kaufen. Kritiker sprechen deshalb von einer „biologischen Quasi-Patentierung“ von Hybridsaatgut, weil ähnlich wie bei patentierten gentechnisch veränderten Organismen (GVO) der Landwirt nur das anbauen kann, was er jedes Jahr von den Agro-Konzernen kauft. Bei Mais hat dies in den letzten 20 Jahren dazu geführt, dass die großen konventionellen Saatgutanbieter mit ihrem Hybrid- oder gar Gen-Mais eine Monopolstellung haben – Sortenvielfalt gibt es hier nicht mehr. Auch bei Raps und Roggen liegt der Hybridanteil heute schon bei über 50 Prozent.

Verlorene Vielfalt

Nach Einschätzung der Welternährungsorganisation FAO gingen in den letzten 100 Jahren drei Viertel der noch um 1900 verfügbaren Sortenvielfalt verloren. Besonders drastisch ist dies bei Gemüsesaatgut: einige Sorten wie extra-süßer Zuckermais, Kohlrabi, Blumenkohl, Broccoli, Rettich oder Chinakohl sind im Grunde nur noch als Hybride auf dem Markt. Bei den meisten anderen in Deutschland gängigen Gemüsearten macht der Anteil der Hybridsorten mehr als 70 Prozent aus. Deshalb muss auch der ökologische Landbau in vielen Bereichen Hybridsorten einsetzen. Dabei gelten aber die Vorgaben der EG-Ökoverordnung: Nach diesen darf im Bio-Landbau keine Gentechnik zum Einsatz kommen und das Saatgut muss ökologisch vermehrt werden.

Umstrittene CMS-Hybride

Viele Bio-Bauern und -Gärtner sind davon überzeugt, dass Hybridzüchtungen auch die Ernährungsqualität beeinflussen, die Pflanze also weniger gesunde und schmackhafte Inhaltsstoffe enthält. In der biologischen Landwirtschaft sind Hybride deshalb umstritten. Das gilt insbesondere für sorgenannte CMS-Hybride, die mit fragwürdigen Techniken wie der Protoplastenfusion entstehen. Dabei werden Eigenschaften einer Pflanze über Artgrenzen hinweg auf eine andere Pflanze übertragen. CMS steht für cytoplasmatische männliche Sterilität und kennzeichnet Pflanzen, die nicht fortpflanzungsfähig sind, weil sie keine befruchtungsfähigen Pollen haben. Für einen Züchter ist diese Eigenschaft im Grunde ideal, weil seine Züchtungsversuche damit keinem „störendem“ Fremdpollen ausgesetzt sind und er schneller zu einem aussagekräftigen Ergebnis kommt.

Bio-Anbauverbände verbieten CMS-Hybride

Die männliche Sterilität kommt bei einzelnen Pflanzen von Zwiebeln, Sonnenblumen, Möhren oder japanischem Rettich durchaus auf natürliche Weise vor. Und genau das machen sich Forscher unter Laborbedingungen zu Nutze: Sie übertragen die CMS-Eigenschaft auf eine andere Pflanzenart – die männliche Sterilität des japanischen Rettichs geht so beispielsweise auf Blumenkohl über. Diese Transformation über Artgrenzen hinaus wäre mit klassischen Züchtungsmethoden nicht möglich. Zwar gilt die CMS-Technik offiziell nicht als „Grüne Gentechnik“, doch wegen der Missachtung der Artgrenzen mit unkalkulierbaren Folgen für Vielfalt und Natur gilt bei den deutschen Bio-Anbauverbänden, wie zum Beispiel Bioland, Naturland und Demeter, ein Verbot für CMS-Hybride.

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